Nährböden: Anzucht- und Anbausubstrate

 

Überblick: Jede Pilzart hat ihre bevorzugten Nährböden. Diese können Mischsubstrate aus natürlichen und naturidentischen Materialien bestehen (wie z.B. Eichenholzblöcke oder spezifische Mischungen aus Holz, Erde, Stroh, Hühner- und Kuhmist etc.) oder Monosubstraten aus Getreide (Vollreis, Gerste, Hirse o.ä.). Manche Inhaltsstoffe werden unabhängig von der Art des Substrats gebildet, andere benötigen für die die biochemische Synthetisierung spezifische Substanzen im Substrat.

Eine wesentliche Grundvoraussetzung für die Zucht medizinischer Pilze von hohem pharmakologischem Wert ist neben der Verwendung von bestimmten, meist traditionellen Zuchtlinien, die Wahl der Nährböden, sowie die jeweils richtigen klimatischen Bedingungen. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windverhältnisse, Sonnenbestrahlung oder Beschattung spielen wesentliche Rollen.

So unterschiedlich wie vielfältig die Lebensräume der Vitalpilze sind, so unterschiedlich sind auch ihre favorisierten Nährböden. In der Natur wachsen die Pilze (bis auf die Gattung des Cordyceps) auf organischem Pflanzenmaterial, sprich, im und auf dem Waldboden, auf abgestorbenen Baumstämmen oder an noch lebenden, geschwächten Bäumen.

Die Pilzzucht ist wesentlich diffiziler als der Anbau von Gemüse oder Getreide. Es braucht ein umfangreiches Wissen und viel Erfahrung, damit anspruchsvolle (Vital-)Pilze sich überhaupt züchten lassen. Will man nun, dass die Pilze nicht einfach nur wachsen, sondern für therapeutische Zwecke möglichst optimal geeignet sind, so steht der Züchter vor noch grösseren Herausforderungen.

 

Klima

Klimatische Bedingungen haben einen grossen Einfluss auf das Wachstum der Pilze allgemein und besonders auf die Ausbildung deren Inhaltsstoffe. So wächst ein Pleurotus ostreatus nur, wenn es im Winter kalt genug ist. Der Chaga ist da noch wählerischer, er lässt sich gar nicht züchten und wächst ausschliesslich auf Birken, und nur in den kältesten Regionen auf der Nordhalbkugel.

 

Pilzspezifische Anzuchtsubstrate

Die Zusammensetzung der Böden und Substrate ist massgeblich beteiligt an den biochemischen Stoffwechselprozessen, die in dem Pilz stattfinden. Hier ein nachvollziehbarer Vergleich: Gemüse, das auf einem mineralstoffreichen Boden mit dem optimalen pH-Wert angebaut und mit natürlichem Dünger genährt wird, bildet andere Inhaltsstoffe aus, als Hors-Sol Gemüse in Standard-Nährlösung unter den künstlichen Bedingungen eines Gewächshauses. Klimatische Bedingungen und die Einflüsse von Wind und Wetter, sowie die genetische Veranlagung (nehmen wir als Beispiel polyphenolhaltigen, farbigen Ur-Mais als das eine Extrem, genetisch manipulierten Mais als das andere) spielen ebenso eine Rolle.

Jede Pilzart braucht entsprechend spezifische Anzuchtmaterialien und Substrate. Natürliche Substrate umfassen ein breites Spektrum. Dazu gehören Gemische aus Sägespänen von Eiche, Buche, Ahorn, Birke oder Pappel. Ferner Getreidekleien wie Weizen-, Roggen- oder Gerstenkleie. Zusätzliche Nährstoffe erhält das Myzelium im Anfangsstadium über Zugaben von Rohzucker, Vollreis oder Reismehl und Baumwollsamen.

Anzuchtmaterialien können Gemische aus Stroh, Kuh-, Pferde- oder Hühnermist sowie anderer natürlicher Komponenten enthalten. Seriöse und erfahrene Pilzzüchter achten darauf, dass Substrat auf jede einzelne Pilzart individuell und optimal abgestimmt und vorbereitet ist, bevor es mit den Pilzsporen inokuliert wird. Die Sporen des Reishi (Ganoderma Lucidum) werden beim traditionellen Anbau direkt in massives Eichenholz geimpft. Ist das Eichenholz vom Myzelium durchwachsen und wurden die Fruchtkörper nach Monaten oder gar Jahren der Reifezeit geerntet, sind die Holzblöcke federleicht.

 

Böden

Werden die Anzuchtblöcke in die Erde gesetzt, ist die Qualität der Böden mitentscheidend für die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe. Europäische Böden sind vergleichsweise nährstoffarm, auch wenn die meisten Vitalpilze in unseren zentraleuropäischen Wäldern zu finden sind. So zum Beispiel der Auricularia (Judasohr) an Holunderbäumen oder der Coriolus (Schmetterlingstrameten) an Laubbäumen.

Den auf Wiesenflächen wachsende Coprinus (Schopftintling) ist jedermann bekannt. Seltener zu finden sind der Hericium (Igelstachelbart) auf frisch abgestorbenen Laubhölzern, doch sogar den Ganoderma (Glänzender Lackporling, Reishi) finden wir gelegentlich in der Schweiz.

Pleurotus (Austernpilz) finden nicht nur im Wald, sondern auch als Speisepilz im Supermarkt. Flammulina (Samtfussrübling, Enoki), Fomes (Zunderschwamm) und Polyporus (Klapperschwamm am Fusse von Eichen), treffen erfahrene Pilzsammler häufiger in unseren Wäldern an.

Will man diese Pilze jedoch in grösseren Mengen für therapeutische Zwecke züchten, dann sind sowohl das europäische Klima, als auch die Beschaffenheit der Böden sowie die Umweltbedingungen wenig optimal. Darum findet Pilzanbau in Europa fast ausschliesslich mit grossem Energieaufwand in Gewächshäusern und Laboratorien statt.

Eine Besonderheit in punkto Beschaffenheit der Böden bietet übrigens China, die Wiege der Vitalpilztherapie: hier finden sich aussergewöhnlich Huminsäure-haltige Böden, ein Umstand, der weltweit einzigartig ist, und durch den in China angebaute Vitalpilze zusätzlich die pharmakologisch sehr interessanten Huminsäuren aufnehmen können (sofern die Anbaugebiete und -bedingungen sorgfältig gewählt sind). Durch seine gigantischen Ausmasse und seine im Vergleich zu Europa oder Nordamerika geringe Bevölkerungsdichte, die sich zudem zu einem bedeutenden Teil in den bekannten Ballungszentren konzentriert, bietet China noch immense Flächen unberührter und nahezu unberührter Natur.

 

Monosubstrate

Ebenso, wie im Gemüseanbau die Zucht auf künstlichen oder wirtschaftlich günstigen natürlichen Substraten möglich ist und durch künstliche klimatische Bedingungen der Befall von Schädlingen kontrolliert werden kann, so ist auch der Anbau von Pilzen auf künstlichen oder einseitigen Substraten möglich.

So ist die Zucht von Pilzen unter Laborbedingungen heute besonders in den USA gängig und wird von den Herstellern als modern und sicher angepriesen. Die Zucht findet im Labor unter entsprechend kontrollierten Bedingungen statt. Dabei werden Mono-Substrate unter sterilen Bedingungen verwendet, üblicherweise sterilisiertes Getreide (hauptsächlich Hirse, seltener Reis), das in Plastiksäcke abgefüllt und mit Pilzsporen inokuliert wird. Die Säcke werden unter konstanten Bedingungen eingelagert, bis das Myzelium sich weit genug im Substrat ausgebreitet hat. Dies ermöglicht es dem Hersteller, innert kurzer Zeit grosse Mengen von Myzelium-Substrat-Gemischen zu produzieren, die getrocknet und pulverisiert auf den Markt gelangen. Diese enthalten hohe Stärkeanteile, sprich, 1,3-1,4-Alpha-Glukane (vgl. Kategorie Polysaccharide) und können als Produkte «mit hohem Polysaccharidanteil» ausgewiesen werden. Dass es sich dabei nicht um die pharmakologisch wertvollen, pilzspezifischen 1,3-1,6-Beta-D-Glukane handelt, sondern schlicht um Stärke, ahnt der Konsument nicht.

Vorteil dieser Methode ist, dass aufwändige und kostenintensive Laboranalysen auf Reinheit der Pilze weniger dringlich sind, da die Zuchtbedingungen streng kontrolliert werden, und die einzigen schädlichen Einflüsse aus dem Getreide oder der Luft kommen können.

Bei einer Anzucht auf natürlichen Substraten ist es nicht möglich, das Substrat mitzuverwenden (es sei denn, man wollte dem Verbraucher Holzmehl o.ä. in die Kapsel mischen), und die Kultivierung von Fruchtkörpern erfordert viel Zeit und Expertise. Dieser Schritt entfällt bei der industriellen Herstellung von Laborpilzen, selbst wenn sogenannte Jungpilze (das Stadium des Primordiums, also noch unvollständig ausgebildeten Fruchtkörpers) mit vermahlen werden.

 

Spezialfälle unter den Vitalpilzen

Chaga

Manche Pilzarten wie der bereits erwähnte Chaga (Inonotus obliquus) können nicht nachgezüchtet werden. Der Chaga wächst überall dort, wo es sehr kalt ist an lebenden Birken. Er braucht etwa fünf Jahre, bis er die höchste Konzentration an wertvollen Inhaltsstoffen ausgebildet hat. Je kälter das Klima, desto konzentrierter die Inhaltsstoffe – so fühlt sich der Chaga selbst bei minus vierzig Grad Celsius noch wohl. Für den therapeutischen Einsatz wichtig sind folgende Faktoren wichtig:  der Zuverlässigkeit der Pilzsammler (ob sie mehr oder weniger ausgereifte und mehr oder weniger reine Fruchtkörper ohne Streckmittel liefern); die Umweltbedingungen, unter denen der Chaga gewachsen ist; und lückenlose Qualitätsanalysen, welche schlussendlich für eine medizinische Qualität garantieren.

Cordyceps

Eine Sonderstellung hat der Cordyceps sinensis unter den Vitalpilzen auch insofern, als dass er nicht auf pflanzlichen Wirten oder Böden wächst, sondern eine spezifische Raupenart befällt, die sich über den Winter im Boden des tibetischen Hochlands eingraben. Diese Raupen werden dort von Hand gesammelt und kosten im Schnitt rund 30'000 USD pro Kilo. Sie sind dem chinesischen Markt vorbehalten und für den europäischen Markt ohnehin unerschwinglich. Noch viel wichtiger ist das ökologische Desaster das noch verstärkt würde, wenn das ohnehin schon extensive Sammeln der Cordyceps Raupen noch mehr ausgeweitet würde.

Darum wird das Myzelium des Cordyceps sinensis in einer flüssigen Nährlösung kultiviert, die inhaltlich möglichst nahe am «Originial», der Raupe, liegt: sie besteht im besten Falle aus einer dickflüssigen Nährlösung aus Bohnenpulver, Roh-Rohrzucker, und weiteren natürlichen Inhaltsstoffen.

Der Cordyceps militaris, der auch als Vitalpilz Verwendung findet, gedeiht auf einer Nährlösung, welche das Mehl von Seidenraupen enthält, die bei der Seidenproduktion abfallen.

Das Myzel bildet keine Fruchtkörper aus, denn als Ausnahme unter den Vitalpilzen enthält hier das Myzel annähernd dieselben Inhaltsstoffe, wie der Fruchtkörper. Das so entstehende Myzelprodukt wird schliesslich aus der Nährlösung gehoben, getrocknet und vermahlen, bzw. zu Extrakten weiterverarbeitet. Dadurch enthält es keine Substratrückstände. Auf diese Art kultivierte Cordyceps-Produkte nennt man CS-4, dies muss auf entsprechenden Produkten ausgewiesen werden.

So ist das Cordyceps CS-4 (vom Cordyceps sinensis) auch für vegane Ernährung geeignet. Im Gegensatz zu Mischprodukten, bei denen typischerweise ausschliesslich auf Hirse oder anderen Getreiden kultiviert wird, enthält das in flüssigem Substrat gewachsene Myzel des Cordyceps keine Stärke (Alpha-Glukane) und ist somit absolut «pilzrein».

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